Unser ganzes Leben besteht letzten Endes aus nichts anderem, als aus Erinnerungen und Träumen. Erinnerungen an gestern und Träume von morgen.
Erinnerungen sind wie Puzzelstücke. Viele Einzelteile ergeben ein Ganzes. Doch wie das mit Puzzeln ist, fehlt hin und wieder ein Stück und das Gesamtbild ist unvollkommen.
Ereignisse können zwar teilweise in Bildern festgehalten werden, doch mindestens eine Dimension der Realität verliert sich immer: Gerüche, Bewegungen, Worte, Geräusche, die Umgebung und alles andere, das der menschliche Körper festestellt, das nicht bildlich festzuhalten ist.
Ich habe viele kleine und große Erinnerungen an unsere Zeit. So viele, dass ich Angst habe, eine zu vergessen. Dein Geruch, der Klang deiner Stimme, dein Lächeln, das Funkeln deiner Augen, das Gefühl unserer sich aneinander festhaltenden Hände und vieles mehr.
Meist geraten die falschen Dinge in Vergessenheit. An die schönsten Momente erinnert man sich häufig nicht, während die weniger schönen Dinge einen Menschen oftmals gespürte Ewigkeiten verfolgen.
An unsere Streitereien erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Wie wir uns angeschrieen haben, geärgert und verletzt. Ich höre jene Worte, die wir sagten, spüre jede Träne, die wir weinten, den Frust, den wir empfanden.
Nach jedem Streit haben wir uns versöhnt, jedes Problem gemeinsam aus dem Weg geschafft. Jede Komplikation schweißte uns enger zusammen, machte uns unzertrennlicher. Wir gehörten zusammen, waren verloren ohne den anderen.
Uns konnte nichts für lange Zeit trennen. Wir haben zusammen gelacht und geweint, haben alles geteilt, was wir hatten. Höhen und Tiefen, Betten, Spielzeug, Essen, Ereignisse, Erinnerungen. Wir teilten unsere gesamte Kindheit. Keine freie Minute, keine Ferien, die wir nicht zusammen verbrachten. Das ich ein Mädchen war und du ein Junge hat uns nie gestört. Ich spielte mindestens genau so gerne mit Autos wie jeder Jungen auch.
Wir waren wie Geschwister, nur noch besser. Wir waren Seelenverwandte. Mochten und verabscheuten das Gleiche. Wollten immer das Gleiche, ohne uns abzusprechen. Traten für das Gleiche ein. Verstanden uns ohne Worte. Ein Blick sagte mehr als tausend Worte.
Wir erkundeten zusammen unsere kleine Welt, reizten Grenzen aus, testeten die verschiedensten Dinge. Wir lernten gemeinsam Rad fahren, Lesen und Schreiben, Schwimmen im Fluss. Man brachte uns bei, Buchen von Eichen zu unterscheiden, Gezwitscher verschiedener Vögel auseinander zu halten, Schmetterlinge zu fangen.
Wir jagten gemeinsam dem Fußball hinterher, verbarrikadierten uns in unserem selbstgebauten Baumhaus, gingen früh morgens heimlich im Fluss schwimmen.
Wir dachten nicht an die Zukunft, hätten niemals gedacht, dass wir einst getrennt würden. Die Anwesendheit des anderen war selbstverständlich, nicht wegdenkbar. Wir wurden innerhalb von vier Stunden geboren, in unterschiedlichen Teilen des Landes. Wir zogen im Alter von sechs Monaten beide in die gleiche Parzellierung, unsere Eltern freundeten sich an. Von da an gab es uns nur im Doppelpack. Fremde fragten oft, ob wir Geschwister seien. Das amüsierte nicht nur unsere Eltern. Wir machten uns einen Spaß daraus, ihnen glaubhaft zu machen wir seien Zwillinge. „Zweieiige Zwillinge natürlich, wir sind ja Mädchen und Junge!“, erklärten wir den Leuten schon mit sieben Jahren.
Eines heißen Morgens im Juli waren wir wieder im Fluss schwimmen. Wir waren gerade 11 geworden. Wir tauchten, wobei wir versuchten so lange wie möglich unter Wasser zu bleiben. Wir hatten viel Spaß, doch beschlossen, aus dem Wasser zu gehen, da es zu kalt wurde. „Noch ein Mal will ich runter“, hast du gesagt, „und noch länger unter Wasser bleiben als sonst“. Ich ging schon an Land, weil ich auf der Uhr schauen wollte, wie viele Sekunden er unten blieb. Die Sekunden verstrichen. Luftbasen stiegen auf. Dann tat sich gar nichts mehr. Wie immer. Meistens kam er kurz danach an die Wasseroberfläche und schnappte nach Luft. Diesmal dauerte es sehr lange, bis sein Kopf endlich an der Wasseroberfläche erschien. Doch er nahm den Kopf nicht aus dem Wasser. Sein Körper schwamm kurz danach an der Wasseroberfläche. Ich sprang wieder ins Wasser und tippte ihn an. Er bewegte sich nicht. Ich zerrte ihn ans Ufer und zog ihn aus dem Wasser. Er bewegte sich immer noch nicht. Langsam bekam ich Angst. Er würde mich nicht so gut auf den Arm nehmen können. Ich rief panisch nach meinem älteren Bruder Max. Er spielte in der Nähe mit einem Freund Fußball und sollte eigentlich ein Auge auf uns werfen, was er natürlich nie tat. Erst kam er langsam auf uns zu, dann, als er David auf dem Boden liegen sah, rannte er los. „Was ist passiert?“, fragt er. Er versuchte Davids Puls zu finden und wurde kreidebleich. Er schickte mich nach Hause. Ich sollte unserer Mutter sagen, sie solle einen Krankenwagen rufen. Max sagte, er würde sich um David kümmern. Als ich zu Hause ankam, war David schon lange tot.
Wenige Wochen nach Davids Beerdingung zogen seine Eltern weg, zurück in ihre Heimatstadt. Ich fiel in ein tiefes psychisches Loch. Ich aß nicht mehr, spielte nicht mehr, sprach nicht mehr. Ich saß den ganzen Tag am Fenster meines Zimmers und schaute nach draußen. Wonach ich schaute, weiß ich nicht mehr. Ich saß einfach nur da und starrte vor mich hin. Nach zwei Monaten fanden meine Eltern, dass es für alle besser sein würde, wenn wir umziehen würden. Wir zogen wenige Wochen danach in eine andere Stadt, weit weg von der alten. Dort normalisierte sich unser Leben allmählich wieder. Lange Zeit versuchte ich, die vergangenen elf Jahre zu vergessen. Jedes Mal wenn ich an David dachte, verlor mein Leben seinen Sinn. Ohne ihn war ich verloren. Doch solange ich nicht daran dachte, ging es trotzdem irgendwie.
Erst später, mit 21, stellte ich mich dem Problem und zog die Hilfe eines Psychologen zu Rate.
Heute kann ich an jene elf Jahre zurück denken, ohne in eine tiefere Depression zu fallen. Ich kann mich an dieser Zeit erfreuen und sehe, was für ein Glück ich hatte, solch einen Freund zu haben. Ich habe nie wieder so einen Menschen, so einen guten Freund kennengelernt.
Das sind meine Erinnerungen. Und meine Träume? Sie heißen zu Recht Träume, denn sie werden auch unerfüllt bleiben. Leider ist es niemandem möglich mir meinen größten Wunsch zu erfüllen.
Diesen Traum träume ich seit jenem Sommertag, als man deinen leblosen Körper im Flussufer fand. Jener Tag, an dem ich entschloss aus unserer Parzellierung und unserer Stadt wegzugehen. An jenem Tag war alles wie immer, bis auf dein Fehlen. Ohne dich hielt ich es dort nicht aus. Alles erinnerte mich an dich. Nirgendwo konnte ich hingehen, nichts konnte ich tun, ohne dich zu vermissen.
Seit diesem Tag träume ich davon, dich wieder zu sehen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher. Dich in den Arm zu nehmen, dir so nahe zu sein wie früher.
Du warst mein Mann. Bei dir fühlte ich mich wohl und geborgen. Ich konnte sein, wie ich wirklich bin, konnte mein wahres Ich zeigen. Du warst einzigartig und atemberaubend und wirst es für mich immer bleiben. Mit dir an meiner Seite durchs Leben zu gehen, war so viel angenehmer als ohne dich. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich dein Gesicht vor mir, mindestens jede zweite Nacht besuchst du mich in meinen Träumen. Mit jeder Stunde vermisse ich dich mehr. Du warst der Beste für mich. Nur die Besten sterben jung.
13.-26. April 2008